Performance6 Min. LesezeitSeptember 2026

Etikette:
Der Abend gehört immer genau einem.

Es gibt keine Prüfung dafür und kein Aushang in der Kanzel. Man merkt, dass es diese Regeln gibt, in dem Moment, in dem man eine gebrochen hat — meist am Gesicht des Kollegen. Sie sind schnell erzählt, und sie kosten nichts ausser Aufmerksamkeit.

Kurz gesagt

Die Regeln am Pult stehen nirgends, und man lernt sie meistens, indem man dagegen verstösst. Sie handeln fast alle von derselben Sache: Der Abend gehört in jedem Moment genau einer Person, und das bist nicht immer du. Übergabe, fremde Geräte, Gäste in der Kanzel — drei Felder, sechs Gewohnheiten.

Warum es diese Regeln gibt

Fast alle lassen sich auf einen Satz zurückführen: Der Abend gehört in jedem Moment genau einer Person. Wer spielt, entscheidet — über Richtung, Lautstärke und darüber, wer was anfasst. Alle anderen im Raum sind Gäste, auch die, die nachher spielen.

Der zweite Grund ist unromantischer: Eine Kanzel ist ein Arbeitsplatz mit offenen Getränken neben teurer Technik, oft im Dunkeln und immer zu eng. Fast jede Regel, die nach Arroganz klingt, ist in Wahrheit eine Vorsichtsmassnahme — und die Geschichten dazu erzählt jeder Club.

Vier Lagen, in denen es schiefgeht

Die Übergabe ist die häufigste, der Rest verteilt sich auf den Abend.

Die LageDie ungeschriebene RegelWarum es sie gibt
Die ÜbergabeFrüh da sein, Pegel angleichen, zwei Tracks in seiner RichtungBis dein erster Track läuft, gehört der Abend noch dem anderen — auch die Lautstärke.
Fremde GeräteFragen, bevor du etwas einsteckst; nur den eigenen Kanal anfassenMaster, Booth und fremde EQs sind tabu. Steht etwas falsch, sagst du es — du drehst nicht.
Gäste in der KanzelEin freundlicher Satz, kurz, ohne DiskussionOffene Getränke neben teurer Technik im Dunkeln — das ist der Grund, nicht Arroganz.
Nach dem eigenen SlotZuhören ja, in der Kanzel stehen bleiben neinDu nimmst dem Nächsten den Platz und das Gefühl, allein zu entscheiden.

Die eine Regel: Es ist noch nicht dein Abend

Bis dein erster Track läuft, gehört alles dem Vorgänger — die Richtung, die Lautstärke, der Platz in der Kanzel. Das gilt auch dann, wenn du es besser könntest, und besonders dann, wenn du es besser könntest. Ein harter Bruch bestraft nicht den Kollegen, sondern die Gäste, die gerade tanzen.

Und ab dem Moment, in dem dein Set läuft, gilt dasselbe umgekehrt: Dann ist es deiner, und du darfst es erwarten. Wer die Regel in eine Richtung kennt, kennt sie auch in die andere.

Die Übergabe, Schritt für Schritt

Sechs Schritte. Der erste passiert eine Viertelstunde vor allem anderen.

1

Fünfzehn Minuten vor deinem Slot da sein

Nicht pünktlich, sondern früher. Wer zur Minute kommt, zwingt den anderen, über seinen Slot hinaus weiterzuspielen und dabei auf dich zu warten — das ist der häufigste Ärger zwischen zwei DJs und der am leichtesten vermeidbare.

2

Fragen, bevor du etwas anschliesst

Ein USB-Stick in einem fremden Player, ein Kabel in einem fremden Mixer: beides ist ein Eingriff in ein laufendes Set. Ein Satz reicht, und der andere sagt dir, welcher Kanal frei ist.

3

Die Pegel abgleichen, bevor der erste eigene Track läuft

Stell deinen Gain so ein, dass dein erster Track so laut ist wie der laufende — nicht lauter. Wer die Übergabe nutzt, um den Abend eine Stufe höher zu drehen, macht den Vorgänger nachträglich leise und den Nachfolger ratlos.

4

Den Abend annehmen, wie er ist

Der andere hat eine Stunde lang eine Richtung aufgebaut. Sie am ersten Track zu brechen ist technisch möglich und fast immer falsch: Der Floor gehört in diesem Moment noch dem Vorgänger. Zwei, drei Tracks in seiner Richtung, dann deine — danach fragt keiner mehr.

5

Aufräumen, was du mitgebracht hast

Kabel, Stick, Kopfhörer, Getränk. Was du liegen lässt, muss der Nächste wegräumen, während er spielt — und im Zweifel fehlt ihm genau der Kanal, in dem dein Kabel noch steckt.

6

Nach deinem Slot nicht in der Kanzel stehen bleiben

Zuhören ja, danebenstehen nein. Wer nach seinem Set in der Kanzel bleibt, nimmt dem Nächsten den Platz und das Gefühl, allein zu entscheiden — auch ohne ein Wort zu sagen.

Fünf Sachen, die man genau einmal macht

Auf die Minute kommen

Der andere muss über seinen Slot hinaus weiterspielen und dabei auf dich warten. Der häufigste Ärger zwischen zwei DJs und der am leichtesten vermeidbare.

Die Übergabe zum Lauterdrehen nutzen

Dein erster Track eine Stufe über dem letzten des Vorgängers: Das macht ihn nachträglich leise — und der Nächste macht es dann mit dir.

Am Master drehen, weil es zu leise ist

Der Master gehört dem Haus oder dem, der spielt. Wenn er falsch steht, sagst du es dem Techniker oder dem Kollegen.

Kabel und Sticks liegen lassen

Der Nächste räumt sie weg, während er spielt — und im Zweifel steckt dein Kabel in genau dem Kanal, den er braucht.

Nach dem Set in der Kanzel bleiben

Auch ohne ein Wort nimmt es dem Nächsten den Raum. Zuhören kann man überall, danebenstehen nur dort.

Was eine gute Übergabe ausmacht

Fünf Punkte, und keiner davon hat mit Musik zu tun.

  • Du warst vor deinem Slot da

    Eine Viertelstunde reicht und löst die Hälfte aller Probleme.

  • Du hast gefragt, bevor du eingesteckt hast

    Ein Satz, und der andere sagt dir den freien Kanal.

  • Dein erster Track war gleich laut

    Nicht lauter. Die Lautstärke des Abends gehört nicht dem Neuen.

  • Die ersten Tracks lagen in seiner Richtung

    Danach deine. Nach zehn Minuten fragt niemand mehr.

  • Du hast mitgenommen, was du mitgebracht hast

    Kabel, Stick, Kopfhörer, Glas.

⚠️ Diese Seite beschreibt Gewohnheiten, keine Vorschriften. Was in einem Club gilt, gilt in einer Bar oder auf einer Hochzeit anders — und in manchen Häusern gibt es ausgesprochene Hausregeln, die vorgehen. Im Zweifel fragt man den Veranstalter oder den Kollegen; beides dauert zehn Sekunden und beendet jede Unsicherheit.

Häufige Fragen

Warum ist das wichtiger als gutes Mixen?

Weil es darüber entscheidet, ob du wieder gefragt wirst. Einen misslungenen Übergang hört der halbe Raum nicht; dass du zu spät kamst, den Pegel hochgedreht und Kabel liegen gelassen hast, merken der Veranstalter und zwei Kollegen — und die Szene einer Stadt ist klein.

Der Vorgänger spielt schlecht. Darf ich sofort umschwenken?

Technisch ja, klug nein. Der Floor gehört in diesem Moment noch ihm, und ein harter Bruch bestraft die Gäste, nicht den Kollegen. Zwei, drei Tracks in seiner Richtung und dann deine — nach zehn Minuten fragt niemand mehr, wie es angefangen hat.

Wie gehe ich mit Gästen in der Kanzel um?

Freundlich und kurz. Die Kanzel ist ein Arbeitsplatz mit offenen Getränken in der Nähe teurer Technik — das ist der Grund, nicht Arroganz. Ein Satz („hier ist leider kein Platz, aber ich bin nachher da“) funktioniert besser als eine Diskussion und besser als Ignorieren.

Darf ich beim Auflegen filmen oder ans Handy?

Für Aufnahmen kurz ja, für alles andere nein. Wer am Handy steht, während der Track ausläuft, verliert den Übergang — und der Raum sieht es. Wenn du für deine Kanäle filmst: Stativ vorher aufbauen, nicht zwischen zwei Tracks.

Was fasse ich an einem fremden Setup nicht an?

Alles, was nicht deinem Kanal gehört: fremde Gain-Regler, den Master, die Booth-Lautstärke, die EQ-Einstellungen des anderen. Wenn der Master wirklich falsch steht, sagst du es — du drehst nicht. Bei fremdem Equipment gilt das doppelt, denn du weisst nicht, was dort empfindlich ist.

Ich habe gegen eine dieser Regeln verstossen. Und jetzt?

Einmal ansprechen, kurz, ohne Erklärung drumherum: „Sorry wegen vorhin.“ Das erledigt fast alles. Was nicht funktioniert, ist Wegtauchen — die betreffende Person legt in derselben Stadt weiter auf, und aus einer Kleinigkeit wird über Monate eine Geschichte.

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